• Wahltag: Rezepte für die Zeit danach

Wahltag: Rezepte für die Zeit danach

15.06.2020

Nach dem Lockdown heisst vor den Wahlen - Historisch ist es oftmals so, dass eine Erholungsphase deutlich länger – etwa viermal so lange – dauert, wie die Dauer der auslösenden Korrektur. Da sich die Schweiz und grosse Teile der Welt gerade in der Anfangsphase dieses Schocks aufgrund von COVID19 befinden, ist nicht abschätzbar, wohin die Reise führt.

Während der Corona-Pandemie haben sich die Arbeitsweisen bei vielen Angestellten grundlegend verändert. Arbeiten und Wohnen, Berufstätigkeit und Familienleben sind während Wochen verschmolzen. Homeoffice wurde vielerorts angeordnet, der Arbeitsweg entfiel und die dadurch gewonnene Zeit wurde anderweitig – auch für die Freizeit – genutzt.

Es überrascht daher kaum, dass die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) und die Genossenschaft «Village Office» in den nächsten Jahren in 60 bis 80 kleinen und mittelgrossen Bahnhöfen so genannte Coworking-Spaces* einrichten. Ziel ist der Aufbau eines flächendeckenden Netzwerks bis zum Jahr 2030. Jede Person in der Schweiz soll ihren Arbeitsort innerhalb von 15 Minuten mit dem Velo oder dem ÖV erreichen. Erreichbarkeit wird zum Ankerpunkt, wo die Arbeit von morgen stattfindet.

Womöglich rächt sich bei diesem neuen Mix der Anforderungen an Standorte, dass die Stadt St.Gallen ihr Verkehrsnetz schon in guten Zeiten vernächlässigt hat. Unsere Stadtbahnhöfe sind immer noch schlecht frequentiert. Die Erreichbarkeit über die Strasse – welche notabene in der Lockdown-Phase der rettende Strohhalm war – wird seit Jahren gezielt geschwächt. Auch mit der Velostadt tut man sich trotz aller vollmundigen Bekundungen immer noch schwer. Doch gerade die Erreichbarkeit ist wie bei den Liegenschaften der Schlüssel für die Werthaltigkeit eines Standorts.

Homeoffice, Coworking und andere neue Arbeitsformen werden die langfristige Nachfrage nach Büroflächen auch nach Corona beeinflussen. Dazu kommen steigende Leerstände bei Verkaufsflächen und entsprechende Einbussen bei den Eigentümern. Von deren Steuern und Gebühren hatte unsere Stadt in den letzten Jahren besonders profitiert. Besonders schwierig wird die Situation für die schon länger unter Druck stehenden Innenstädte der Mittel-und Kleinzentren, zu denen man St.Gallen je nach Wertung zählen kann. Auch in der Event-, Messe-, Gastro- und Beherbergungslandschaft ist eine Flurbereinigung wohl unausweichlich, wodurch das urbane und städtische Leben nochmals gefordert wird.

Die Kandidierenden für den Stadtrat und das Stadtpräsidium stehen somit vor grossen Herausforderung, wie unsere Stadt langfristig wieder auf die Beine kommt. Sie werden einen Spagat machen müssen, wie sie sinkende Einnahmen mit den notwendigen Impulsen für den Aufbruch verbinden. Gerade die in der Stadt verbliebenen Haus- und Grundeigentümer sind gut beraten, die Konzepte der Kandidierenden im anstehenden Wahlkampf auf Herz und Nieren zu prüfen. Am 27. September 2020 ist Wahltag.

*Coworking-Spaces (Coworking (engl.) = „zusammenarbeiten“ bzw. „kollaborativ arbeiten“) sind eine Entwicklung im Bereich der neuen Arbeitsformen. Freiberufler, Startups und Mitarbeitende von Firmen arbeiten in meist grösseren, offenen Räumen mit zahlreichen Begegnungsmöglichkeiten. Sie arbeiten voneinander unabhängig in unterschiedlichen Firmen und Projekten oder entwickeln durch den bewussten

Austausch mit anderen Coworkern gemeinsame Projekte.