• Eine Minute Verlangsamung kostet St.Gallen das Potential von 75 000 Fachkräften

Eine Minute Verlangsamung kostet St.Gallen das Potential von 75 000 Fachkräften

02.12.2022 Remo Daguati Geschäftsführer HEV Kanton und Stadt St.Gallen

Mit dem Argument «Lärmschutz» wollen der Stadtrat und der Regierungsrat von St.Gallen die eigene Kantonshauptstadt für kommende Generationen lahmlegen. Der Stadt- und Kantonalverband haben sich in der Vernehmlassung deutlich gegen diese Fehlentwicklung ausgesprochen.

Stadt und Kanton St.Gallen wollen flächendeckend Tempo 30 auf dem Gebiet der Stadt St.Gallen einführen. In vier Stufen sollen in der Stadt St.Gallen die Fahrzeiten auf der Strasse verlangsamt, d.h. die Erreichbarkeit von St.Gallen systematisch abgewertet werden. Die Folgen für den Wohn- und Wirtschaftsstandort sind nicht zu unterschätzen. Denn die Regierenden blenden komplett aus, dass die Stadt St.Gallen ein Gros seiner Fachkräfte von aussen anzieht. Langsamere Verkehrswege vernichten aber vor allem auch den Wert von Wohnimmobilien.

Wertvernichtung beim Wohneigentum

Eine kürzlich publizierte Studie der Raiffeisen Bank zeigte auf, dass mit jeder zusätzlichen Minute Fahrzeit auf dem Arbeitsweg der Wert eines Familienhauses um CHF 21 000.– abnimmt. Bei einer Reduktion der zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h auf 30 km/h nimmt die Reisezeit allein um 5 Sekunden pro 100 Meter zu. Bei einer flächendeckenden Ausdehnung von Tempo 30 auf das gesamte Stadtgebiet ist deshalb für Bewohner wie Fachkräfte mit mehreren Minuten Zeitverlust zu rechnen. In der Stadt St.Gallen werden mit den geplanten Massnahmen über 13 000 Wegpendelnde abgestraft, welche ihr Einkommen auswärts verdienen und ihre Steuern bislang in der Stadt zahlen. Wegzüge dieser guten Steuerzahler sind durch die neuen Verkehrsschikanen nicht auszuschliessen.

St.Gallen reduziert Fachkräftepotential drastisch

Beim Vorschlag von Stadt und Kanton St.Gallen wird nicht ansatzweise gewürdigt, dass der motorisierten Individualverkehr (MIV) bereits ab 20 Fahrminuten mehr als doppelt so viele Fachkräfte nach St.Gallen bringt wie der öffentliche Verkehr (öV). Qualifizierte Personen muten sich einen Arbeitsweg bis zu einer Stunde je Fahrtweg zu. Doch erst zwischen 60 und 70 Minuten Fahrzeit kann die Stadt St.Gallen dank einem funktionierenden MIV den grössten Zuwachs an Beschäftigten verzeichnen: 750 000 zusätzliche Fachkräfte werden in dieser Spanne erreicht. Der in St.Gallen äusserst schlecht organisierte öffentliche Verkehr schafft es in derselben Zeitspanne nicht einmal, 70 000 zusätzliche Fachkräfte zu erreichen, d.h. mehr als elfmal weniger als über die Strasse. Er punktet ab Fahrzeiten, die sich Talente meist nicht mehr zumuten. Wird nun ein Fahrtweg über die Strasse mit einer Ausweitung der 30-Zonen um 1 Minute verlangsamt, geht St.Gallen in diesem Bereich das Potential von über 75 000 Fachkräften verloren. Die anhaltende Stagnation von St.Gallen würde mit einer Umsetzung der radikalen Verkehrsverlangsamung weiter befeuert.

Eine solch mutwillige Verlangsamung von Hauptverkehrsachsen schafft nur Verlierer. Denn nicht nur Autos, sondern vor allem der strassengebundene öffentlichen Verkehr wird so auf den Hauptachsen verlangsamt. Und auch die Rettungskräfte haben längere Fahrzeiten, um zum Einsatzort zu gelangen. Auch ist mit unerwünschtem Ausweichverkehr in die Wohnquartiere zu rechnen. Da beim öffentlichen Verkehr auf Jahrzehnte hinaus keine Verbesserungen beim Angebot zu erwarten sind, stellt die Strasse nachweislich das grundlegende Rückgrat für die Wohn- und Wirtschaftsentwicklung von St.Gallen dar. Tragen wir Sorge dazu.