• Interdisziplinarität als Sackgasse

Interdisziplinarität als Sackgasse

29.04.2019

St.Gallen als Technologie- und Dienstleistungsstandort positionieren – Viele Kantonshauptstädter sind erbost, der Rektor der eigenen Fachhochschule zurückgetreten, der Hauptsitz der «OST - Ostschweizer Fachhochschule» künftig in Rapperswil. Das Augenreiben hat in der Hauptstadt St.Gallen gerade erst begonnen. Dass sich das Linthgebiet im Poker um das Rektorat und den Sitz wichtiger Departemente gegenüber der Kantonshauptstadt durchsetzt, überrascht bei nüchterner Betrachtung kaum. Denn aus sozialer Arbeit und Interdisziplinarität lässt sich keine Standortgunst ableiten.

Wer sich ausserhalb der Ostschweiz bewegt, dem kommt oft zu Ohr, dass die Hochschule Rapperswil HSR weit über unsere Region hinaus als Vorzeigeobjekt des Wissens- und Technologietransfers gilt. Die Umsetzung von Praxis-Projekten mit unmittelbarem Mehrwert für Unternehmen ist dort schon vor Jahren ins Fleisch und Blut der Professoren übergegangen. Anstatt Rapperswil als Peripherie zu bezeichnen, gilt es neidlos anzuerkennen, dass die HSR das Rennen um den Sitz des Rektorats und die wichtigen Departemente Informatik sowie Architektur-, Bau- und Planungswesen nebst regionalpolitischen Überlegungen auch dank einem ansehnlichen Leistungsausweis gewonnen hat.

Die Fachhochschule St.Gallen FHS konnte sich dagegen über die Ostschweiz hinaus in Wirtschaftskreisen weniger einen Namen machen. Zwar brilliert der Lehrgang Wirtschaft mit eindrücklichen Praxis-Projekten für die Ostschweizer Wirtschaft, welche am WTT Young Leader Award gefeiert werden. Auch konnten das Wirtschaftsingenieurwesen, die Informatik und das Architekturstudium in den letzten Jahren sanft, aber wohl viel zu spät, am Standort St.Gallen weiter gestärkt werden. Unter dem Stichwort «Interdisziplinarität» werden in St.Gallen Lehrgänge wie Praxisprojekte wo immer nur möglich mit Themen der sozialen Arbeit angereichert. Ob Software, Architektur oder Wirtschaft – alles kriegt ein soziales «Topping» verpasst. Die FHS produziert mit weit über 50% der Studierenden in den Lehrgängen «Soziale Arbeit» und «Pflege» vor allem eines: Fachkräfte für den rasant wachsenden Verwaltungs- und Sozialcluster unserer Kantonshauptstadt.

Die Stadt St.Gallen tut gut daran, ihr Wundenlecken rund um die FHS rasch zu beenden. Stattdessen gilt es die Aufbruchstimmung in anderen Bereichen gezielt zu nutzen. Der START Summit 2019 zeigte eindrücklich, wie das Potential rund um die HSG noch stärker für die Strahlkraft des Dienstleistungsstandorts St.Gallen genutzt werden könnte. Der neue Medical Master rückt in St.Gallen endlich auch die Chancen im wertschöp- fungsstarken Sektor «Life Sciences» in den Vorder- grund. Der Verein «IT rockt!» bahnt zudem den Weg für die hiesige IT-Wirtschaft durch gezielte Vernetzungen. Auch die Initiative Startfeld im Umfeld der EMPA wächst eindrücklich und bringt immer mehr technische Startups hervor, die Arbeitsplätze schaffen. Zudem gibt sich die Kreativitätswirtschaft unserer Stadt im Lattich-Quartier eine Adresse und erhöht damit ihre Sichtbarkeit.

Trotz aller Chancen: Unsere Kantonshauptstadt muss sich noch viel konsequenter als Technologie- und Dienstleistungsstandort positionieren. Dann wird auch der Wohnstandort St.Gallen wieder zulegen können. Ich werde nicht müde zu betonen, dass Menschen dort leben und wohnen, wo sie langfristig Aussicht auf Arbeit haben. Deshalb sollte man jetzt kritisch hinterfragen, ob am Standort St.Gallen in der neuen Ostschweizer Fachhochschule OST der Sozial- und Pflegebereich weiterhin über die Hälfte der Studienplätze ausmachen soll. Meine Folgerung ist klar: Wirtschafts- ingenieurwesen, Informatik und Architektur sollten in St.Gallen eine viel grössere Gewichtung erhalten.